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Leseproben
Vorwort (ungekürzt)
”Eine echte Entdeckung scheint keine unmittelbare Motivation zu haben. Sie geschieht wohl eher nachdem man sich lange auf etwas konzentriert hat und dann zum erstenmal entspannt. Diesem Buch liegt eine solche zu Grunde.
Als derjenige, dem diese Entdeckung widerfuhr, möchte ich nicht den Versuch unternehmen, der ihr innewohnenden Kraft des Neuen einen Weg vorzuschreiben. Vielmehr betrachte ich es als
meine Pflicht, sie vorzustellen, indem ich ihre Existenz hinreichend begründe, um sie dann gut gerüstet und für die wichtigsten Fälle gewappnet in die Freiheit zu entlassen. Im folgenden wird
also jene Entdeckung am Genter Altar über 500 Jahre nach dessen Entstehung gelüftet werden, auf daß noch größere daraus hervorgehen mögen. Es werden die ersten Ansätze zur Interpretation
erörtert und den eigenen der Leser reichlich Material zur Vertiefung geboten. Dann wird das Schicksal unter Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, jene Personen finden, die die nächsten
Schritte in diesem geistigen Abenteuer gehen werden.
Klaus Schröer”
aus dem 1. Kapitel:
“Doch gerade die drei langen Jahrhunderte zwischen Theophilus und dem Genter Altar lassen erahnen, daß für die optimale Nutzung der ölhaltigen Farbe noch eine ganze Reihe von weniger
spektakulären Erfindungen notwendig gewesen war, wie z.B. das Beimischen von Schwermetalloxiden, Blei und Zinn zur Aussteuerung der Trocknungszeit. Die Werkstatt der van Eycks scheint die
erste gewesen zu sein, die zu jeder in diesem Zusammenhang entstandenen Herausforderung die richtige alchimistische Antwort fand.”
aus dem 2. Kapitel:
“Er hält einen durch Schlangen gekennzeichneten Giftkelch in der Hand, der seine visionäre Kraft verkörpert (Abb. 10). Direkt links neben dem Apokalyptiker, in dem man zu
dieser Zeit auch den Evangelisten Johannes und somit den Namenspatron des Stifters Jodocus Vijd sah, und in gleicher Darstellungsweise findet sich Johannes der Täufer, der sich durch das
Lamm in seinen Armen ausweist (Abb. 9). Als Namensgeber der Kirche St. Jan (und als Patron der Stadt Gent) durfte seine Darstellung wohl nicht fehlen. Beide Figuren sind auf ihren gemalten
Sockeln nochmals namentlich genannt. Die unterste Reihe der Werktagsseite würdigt somit die Stifter, den Stiftungsnehmer und den Schöpfer der wesentlichen Thematik des Altars und man kann sie
als eine Art gemaltes Impressum betrachten.” ... “Der Tafel Gottvaters läßt sich ferner ein interessantes Detail entnehmen, das auf eine Reliquie in Brügge verweist, wo sich Jan van
Eyck nach umfangreichen Reisetätigkeiten 1430 niederließ: Der den Hintergrund verzierende Brokat (Abb. 15) zeigt das eher selten gebräuchliche Symbol Christi als Pelikan, der nach
mittelalterlicher Vorstellung mit seinem eigenem Fleisch seine Kinder ernährt und so den Opfertod des Erlösers verkörpert. Dieses Zeichen findet sich in vielfältiger Form in der
Heilig-Blut-Basilika zu Brügge. Seit dem 12. Jhd. werden dort einige Blutstropfen Christi verwahrt, die sich auf einem in einer Phiole befindlichen Stück Lammfell befinden und die Diderik van
Elsaz, Graf von Flandern, am Weihnachtstag 1148 in Jerusalem vom Patiarchen und vom König der Stadt geschenkt bekommen haben soll (Abb. 16). Die hohe Verehrung dieser Reliquie zu Zeiten Jan
van Eycks läßt sich aus der Gründung der „Edelen Broederschap van het Heilig Bloed“ im Jahre 1405 schließen und ihre materielle Zusammensetzung läßt es schwerlich zu, ihre Existenz im
Zusammenhang mit der Thematik der Tafel der Anbetung des Lammes im Genter Altar zu ignorieren.”
aus dem 3. Kapitel:
“Wenn man sich,
soweit es einem Menschen des 21. Jhd. überhaupt noch möglich ist, in die Denkweise und das Welt- und Geschichtsbild eines im Spätmittelalter lebenden gläubigen Christen versetzt, so muß man
zu dem Schluß kommen, daß das Himmlische Jerusalem der mit Abstand bedeutendste Gegenstand überhaupt war, der sich begrifflich fassen ließ. Es war jener schützende Hort, an dem man nichts
geringeres erwarten durfte, als die endgültige Erlösung von dem Bösen! Es ist im vorangegangenen Kapitel ersichtlich geworden, daß bei der Erschaffung des Genter Altars ein hohes Maß an
Texttreue bzgl. der Darstellung des Innenlebens dieses Ortes angestrebt wurde. Wie steht es aber um die Wiedergabe seiner Architektur, also seiner äußeren Form? Der Apokalyptiker
Johannes hinterließ eine sehr umfassende, wenn auch nicht in allen Punkten eindeutige Beschreibung. Deren genaue Lektüre birgt den Schlüssel zum Geheimnis des Genter Altars, das dieses Buch
zum Thema hat, und ist deshalb hier ungekürzt wiedergegeben: ...”
aus dem 5. Kapitel:
”Der Kirchenboden ist lediglich noch im
Zentrum der Kapelle im Original erhalten, wenngleich er bereits vor längerer Zeit allem Anschein nach dort auf recht brachiale Weise aufgebrochen wurde, wovon eingemeißelte Kerben zum
Heraushebeln der Steine genauso zeugen wie eingesetze Flicksteine, die nicht mehr zu entziffernde Inschriften tragen (vermutlich zweckentfremdete Grabsteine, siehe Frontispiz auf S. 3). Der
Kreuzgedanke wurde auch im ursprünglichen Bodenmuster verwirklicht.”
aus dem 6. Kapitel:
“Es gibt im Buchhandel nicht wenig Titel,
in denen dargelegt wird, wie man gewissen Kunstwerken gewissene Geheimnisse entnehmen kann, also eben Hinweise auf eine Verschwörung oder zum Verbleib des Heiligen Grals. Die Stellung einer
simplen Frage,wird dabei überraschender Weise durchgehend vermieden: Wem sollte das nützen? Ein Geheimnis bewahrt man am besten, in dem man darüber schweigt. Wenn man in Sorge darum ist, das
Geheimnis könnte durch das eigene unvorhergesehene Ableben verloren gehen, empfielt sich zur Vorsorge doch eher eine testamentarische Lösung mit präziser Nennung der Adressaten als ein das
Geheimnis in Form eines Rätsels beinhaltendes Kunstwerk für jedermann sichtbar in irgendeine Kirche zu hängen. Es ist vollkommen unlogisch anzunehmen, daß ein öffentliches Kunstwerk der
Existenzsicherung eines Geheimnisses dienen sollte. Ein öffentliches Kunstwerk, daß ein Geheimnis in Form eines Rätsels beinhaltet, vermag aber etwas anderes zu leisten. Es erfreut
diejenigen, die die Lösung schon kennen. Sie können es genießen, es besser zu wissen, als die Scharen der vorbeiziehenden Ahnungslosen. Nur den Personen, die die Antwort kennen, gibt die
Betrachtung jenes öffentlichen Rätsels das Gefühl der Erhabenheit. Und derjenige, dessen Charakter von solch niederen Gefühlen frei ist, kann sich diese Wirkung zu Nutze machen und einen
Kreis von Eingeweihten bestimmen, den er auf diese Weise für eine ihm am Herzen liegende Sache motiviert und an sich bindet. ... Glücklicherweise gibt es für diese Person mit Herzog
Philipp dem Guten einen Hauptverdächtigen.”
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